Siemens und CAPHENIA setzen auf Standardisierung, um SAF schneller in den Markt zu bringen

Der Markt für nachhaltiger Flugkraftstoff SAF wächst, doch die Produktionskapazitäten bleiben bislang weit hinter dem politischen und industriellen Bedarf zurück. Siemens und CAPHENIA wollen genau an diesem Engpass ansetzen und die Technik für größere Anlagen schneller in den industriellen Maßstab überführen. Für die Luftfahrt Dekarbonisierung ist das ein strategisch wichtiger Schritt, weil nicht nur neue Produktionsverfahren, sondern vor allem reproduzierbare Industrieprozesse gebraucht werden.

CAPHENIA entwickelt ein Verfahren, bei dem Bio-Methan mithilfe von Plasma in Synthesegas umgewandelt werde. Daraus lasse sich anschließend nachhaltiger Flugkraftstoff SAF herstellen, aber auch erneuerbarer Diesel oder chemische Vorprodukte. Siemens soll dabei als bevorzugter Technologiepartner die Automatisierung und Digitalisierung liefern, damit aus einer Pilotlösung ein standardisierbares Anlagenkonzept werde. Die Siemens CAPHENIA Partnerschaft ziele damit weniger auf einen symbolischen Schulterschluss als auf ein industrielles Versprechen: Technik müsse sich an mehreren Standorten gleichartig planen, hochfahren und betreiben lassen.

Für Außenstehende ist vor allem entscheidend, was hinter dem Verfahren steckt. Plasma-Technologie bedeutet vereinfacht gesagt, dass ein Gas unter sehr hohen Temperaturen so behandelt wird, dass seine Bestandteile gezielt für chemische Prozesse nutzbar werden. CAPHENIA gibt an, dabei mit einem Reaktor zu arbeiten, der mehrere chemische Reaktionen in einem System bündele und die entstehende Wärme wieder nutze. Gerade diese Energieeffizienz ist für die Wirtschaftlichkeit relevant, denn synthetische Kraftstoffe gelten nur dann als ernsthafte Alternative, wenn sie nicht an zu hohen Kosten oder zu großem Energieeinsatz scheitern.

Der Engpass liegt nicht nur in der Erfindung, sondern in der industriellen Wiederholbarkeit

In der Industrie entscheidet selten allein die Qualität eines Pilotprojekts über den Markterfolg. Wichtiger ist meist, ob sich ein Verfahren in Serie bringen lässt, ob also Planung, Steuerung und Inbetriebnahme mit vertretbarem Aufwand auf weitere Werke übertragbar sind. Genau hier kommt Siemens ins Spiel. Der Konzern wolle unter anderem Leitsysteme, Messtechnik, Antriebstechnik und Software für Simulation bereitstellen, damit Anlagen früher getestet und Betriebsparameter bereits vor dem realen Start optimiert werden könnten.

Besonders relevant ist dabei der Einsatz digitaler Zwillinge. Gemeint sind digitale Abbilder einer Anlage, mit denen sich Abläufe simulieren und Schwachstellen erkennen lassen, bevor auf dem Werksgelände teure Anpassungen nötig werden. Für CAPHENIA könnte das die Inbetriebnahme verkürzen und das Risiko beim Ausbau neuer Standorte senken. Für Siemens ist die Siemens CAPHENIA Partnerschaft zugleich ein typischer Fall für das eigene Industriegeschäft, bei dem Software, Automatisierung und Prozesswissen zum eigentlichen Hebel für Wachstum werden.

Der Druck auf den SAF-Markt kommt zunehmend aus Regulierung und Lieferketten

Dass nachhaltiger Flugkraftstoff SAF derzeit als Zukunftsmarkt gilt, hat nicht nur mit Klimazielen von Airlines zu tun. Der politische Druck nimmt spürbar zu. In Europa sollen verbindliche Vorgaben den Anteil alternativer Kraftstoffe in der Luftfahrt erhöhen, was den Bedarf an verlässlichen Lieferketten steigen lässt. Solange jedoch zu wenig produziert wird, bleibt SAF teuer und knapp, und genau das bremst die Luftfahrt Dekarbonisierung.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Fokussierung auf Skalierung folgerichtig. CAPHENIA argumentiert, ohne synthetische Kraftstoffe werde die Dekarbonisierung der Luftfahrt nicht gelingen. Siemens wiederum verweist darauf, dass industrielle Reproduzierbarkeit entscheidend sei, um den Markthochlauf zu beschleunigen. Diese Logik ist nachvollziehbar, weil der SAF-Markt nicht nur von technologischen Durchbrüchen abhängt, sondern von der Frage, ob Produzenten in kurzer Zeit genügend Volumen aufbauen können. Der Standort im Industriepark Höchst Frankfurt passt dazu, weil dort industrielle Infrastruktur, Chemiekompetenz und Anschlussfähigkeit an bestehende Wertschöpfungsketten zusammentreffen.

Wer den Markt früh bedienen kann, verschafft sich einen Vorsprung im Wettbewerb

Die strategische Bedeutung der Kooperation reicht daher über ein einzelnes Werk hinaus. Wenn es gelingt, ein modulares und anpassbares Template für neue Anlagen zu entwickeln, könnte CAPHENIA schneller wachsen als Wettbewerber, die ihre Technik jeweils neu konfigurieren müssen. Für Siemens eröffnet die Zusammenarbeit die Chance, sich in einem entstehenden Markt als Standardpartner für den Aufbau von SAF-Produktionsanlagen zu positionieren. Die Siemens CAPHENIA Partnerschaft ist damit auch ein Wettbewerbssignal an andere Anbieter im Umfeld von nachhaltiger Flugkraftstoff SAF.

CAPHENIA-Chef Mark Misselhorn formuliert den Anspruch offensiv: „Wer schnell skaliert, wer industrial-ready ist, wer die richtigen Partner hat, der führt.“ Ob dieser Führungsanspruch eingelöst wird, bleibt offen. Klar ist aber schon jetzt, dass der Markt für Luftfahrt Dekarbonisierung nicht auf einzelne Laborerfolge wartet. Entscheidend wird sein, ob Verfahren wie die Plasma-Technologie in belastbare industrielle Lieferketten übersetzt werden können. Gelingt das, könnte aus einer Partnerschaft am Standort Industriepark Höchst Frankfurt mehr werden als ein Technologietest, nämlich ein Baustein für einen Markt, der politisch gewollt und wirtschaftlich noch längst nicht entschieden ist.

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