Siemens und Ucaneo wollen die Abscheidung von Kohlendioxid aus der Umgebungsluft vom Pilotbetrieb in ein industriell nutzbares Modell überführen. Die Kooperation zeigt, dass sich der Wettbewerb um die industrielle CO₂-Entnahme zunehmend an Automatisierung, Kosten und reproduzierbaren Anlagenkonzepten entscheidet.
Ucaneos DAC-Anlage Berlin ist auf eine Nennleistung von 150 Tonnen abgeschiedenem CO₂ pro Jahr ausgelegt. Die offizielle Einweihung war für den 2. Juli 2026 angekündigt. Damit erreicht das Projekt zwar noch keine Größenordnung, die für den Klimaschutz insgesamt ins Gewicht fällt, es dient aber als Testfall für den Übergang von einzelnen Demonstrationsanlagen zu standardisierten Industrieprojekten. Der Abstand zum eigenen Langfristziel bleibt erheblich, denn Ucaneo strebt für 2035 eine jährliche Entnahme von 500 Millionen Tonnen an.
Für das 2022 gegründete Berliner Unternehmen ist die Zusammenarbeit auch ein Schritt vom Technologieentwickler zum Anlagenanbieter. Ucaneo hat bislang rund 17 Millionen Euro aus privaten und öffentlichen Quellen eingeworben und beschäftigt nach eigenen Angaben etwa 30 Mitarbeitende. Die Beteiligung eines etablierten Industriekonzerns kann vor allem dort Bedeutung gewinnen, wo potenzielle Betreiber belastbare Standards, langfristigen technischen Support und kalkulierbare Betriebsrisiken erwarten.
Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst nach dem Pilotprojekt
Die Siemens und Ucaneo Partnerschaft zielt deshalb weniger auf die einzelne Berliner Anlage als auf ein technisches Grundmodell für weitere Standorte. Siemens soll Automatisierung, Messtechnik, Antriebe, Prozesssimulation und digitale Steuerung aus seinem Xcelerator-Portfolio beisteuern. Entscheidend ist, ob sich künftige Anlagen mit möglichst wenigen Anpassungen planen, prüfen und in Betrieb nehmen lassen.
Dafür ist unter anderem das webbasierte Prozessleitsystem Simatic PCS neo vorgesehen. Solche Systeme bündeln die Steuerung komplexer Industrieprozesse und machen sichtbar, wie einzelne Anlagenteile zusammenwirken. Ergänzende Simulationen sollen Abläufe bereits virtuell testen, bevor Hardware installiert wird, was Fehler beim Hochskalieren reduzieren und Investitionen besser kalkulierbar machen kann.
Elektrochemische Abscheidung soll den Energieeinsatz flexibler machen
Direct Air Capture bezeichnet Verfahren, die CO₂ nicht an einem Schornstein, sondern direkt aus der Umgebungsluft herausfiltern. Ucaneo setzt dabei auf einen elektrochemischen Prozess, den das Unternehmen mit der Funktionsweise der menschlichen Lunge vergleicht. Das abgeschiedene Gas soll eine Reinheit von mehr als 99,9 Prozent erreichen und entweder dauerhaft gespeichert oder als industrieller Rohstoff genutzt werden.
Der vollständig elektrifizierte Ansatz kann nach Unternehmensangaben an erneuerbare Energiequellen gekoppelt und an schwankende Strompreise angepasst werden. Das ist für die industrielle CO₂-Entnahme relevant, weil der Energiebedarf zu den zentralen Kostenfaktoren solcher Verfahren gehört. Ob die Technologie im größeren Maßstab wirtschaftlich arbeitet, lässt sich aus der Kapazität der Berliner Anlage allerdings noch nicht ableiten.
Der Markt hängt an Kraftstoffen, Chemie und verlässlichen Zertifikaten
Als mögliche Abnehmer nennt Ucaneo Hersteller von synthetischem Flugkraftstoff, Methanol sowie Unternehmen aus der Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Dort kann atmosphärisches CO₂ fossilen Kohlenstoff als Ausgangsstoff teilweise ersetzen, sofern genügend erneuerbare Energie verfügbar ist. Die Nachfrage dürfte daher nicht nur von technischen Fortschritten abhängen, sondern auch von Stromkosten, Abnahmeverträgen und politischen Vorgaben.
Für den Luftverkehr verweist die Mitteilung auf die ReFuelEU-Regeln, nach denen E-Kerosin 2030 einen Anteil von 1,2 Prozent am Kraftstoffangebot der EU-Flughäfen erreichen soll. Zusätzlich schafft der europäische Zertifizierungsrahmen für CO₂-Entnahmen einen Markt für dauerhaft gespeichertes Kohlendioxid. Damit entstehen zwei Erlöswege, der Verkauf von CO₂ als Rohstoff und die Vergütung nachweisbarer negativer Emissionen.
Beide Geschäftsmodelle stellen unterschiedliche Anforderungen. Bei der stofflichen Nutzung entscheidet vor allem, ob das CO₂ zu einem wettbewerbsfähigen Preis und in verlässlicher Qualität bereitsteht. Bei dauerhafter Speicherung kommt es zusätzlich auf überprüfbare Messung, sichere Lagerstätten und Zertifikate an, die von Käufern und Behörden anerkannt werden.
Standardisierung wird zum Schlüssel für den internationalen Ausbau
Die geplante DAC-Anlage Berlin soll zugleich zeigen, ob geologische Speicherung unter deutschen Projektbedingungen nachweisbar organisiert werden kann. Ucaneo bezeichnet das Vorhaben als erstes verifiziertes deutsches Direct-Air-Capture-Projekt mit geologischer Speicherung. Ein Teil des abgeschiedenen CO₂ soll dafür dauerhaft in geeigneten Formationen eingelagert werden.
Für den internationalen Ausbau ist jedoch weniger die Einmaligkeit des Standorts entscheidend als die Wiederholbarkeit des Systems. Die Kooperation sieht deshalb eine modulare Automatisierungsplattform vor, die auch lizenzierte Betreiber einsetzen können. Ein solches Lizenzmodell könnte die Expansion beschleunigen, verlagert aber einen Teil der Verantwortung für Bau, Betrieb und Finanzierung auf Partner vor Ort.
Gelingt die Standardisierung, könnte Direct Air Capture schneller an neue Standorte übertragen werden. Die industrielle Logik ähnelt dann weniger einem Einzelprojekt als einer Plattform, deren Komponenten, Software und Betriebsabläufe mehrfach genutzt werden. Der wirtschaftliche Erfolg wird dennoch daran gemessen werden, ob aus 150 Tonnen Jahreskapazität belastbare, finanzierbare und vielfach kopierbare Anlagen entstehen.


