Mit dem Richtfest für zwei zentrale Neubauten wird der Umbau der historischen Siemensstadt zu einem gemischt genutzten Quartier erstmals deutlich sichtbar. Zugleich zeigt der überarbeitete Rahmenplan, dass Siemens und das Land Berlin auf den angespannten Wohnungsmarkt reagieren und die Zahl der geplanten Wohnungen deutlich erhöhen.
Das 76 Hektar große Areal im Berliner Westen soll künftig Industrie, Forschung, Büros und Wohnen enger miteinander verbinden. Rund 3.750 Wohnungen sind nun vorgesehen, etwa 1.000 mehr als in früheren Planungen. Damit gewinnt der Wohnungsbau in Spandau stärkeres Gewicht, ohne dass Siemens die industrielle Nutzung des Standorts aufgeben will. Gerade diese Mischung macht Siemensstadt Square stadtentwicklungspolitisch interessant, denn Berlin muss neue Wohnungen schaffen und zugleich Flächen für Produktion und technologieorientierte Unternehmen sichern.
Der Innovationscampus soll Forschung und Industrie räumlich enger verzahnen
Die beiden Neubauten am künftigen Bahnhof bilden den Eingang zum geplanten Innovationscampus Berlin. Das Atriumgebäude soll Anfang 2027 fertig werden und den Berliner Firmensitz von Siemens aufnehmen. In einem rund 60 Meter hohen Hochhaus, dessen Fertigstellung für Anfang 2028 vorgesehen ist, sollen mehrere Unternehmensbereiche zusammenarbeiten. Damit bündelt Siemens nicht nur eigene Teams, sondern öffnet das Gelände nach eigenen Angaben auch für Forschungseinrichtungen, Start-ups und weitere Unternehmen.
Im Mittelpunkt stehen industrielle Software, künstliche Intelligenz für Fabriken und technische Systeme sowie vernetzte Infrastrukturen. Gemeint sind Anwendungen, die Maschinen, Gebäude oder Verkehrsnetze mithilfe von Daten steuern und effizienter betreiben sollen. Zwei Industrie-Hubs sollen zugleich Produktionsaktivitäten bündeln. Der Innovationscampus Berlin ist damit weniger als klassischer Bürostandort gedacht, sondern als Verbindung von Entwicklung, Anwendung und Fertigung.
Mehr Wohnungen erhöhen den politischen Wert des Projekts
Die Ausweitung auf rund 3.750 Einheiten verschiebt die Balance des Vorhabens. Siemensstadt Square wird dadurch stärker zu einem Stadtquartier und weniger zu einem erweiterten Unternehmenscampus. Für den Wohnungsbau in Spandau ist das relevant, weil zusätzliche Wohnungen in einem Bezirk entstehen sollen, der bislang weniger dicht bebaut ist als die Berliner Innenstadt. Entscheidend wird allerdings sein, wie schnell Baurecht, Erschließung und tatsächlicher Hochbau vorankommen und welchen Anteil bezahlbare Angebote erhalten.
Zum Quartier gehört auch eine vierzügige Grundschule, deren Grundstück zum 1. Juli 2026 an das Land Berlin und den Bezirk übertragen werden soll. Eine neue Schule ist für ein Gebiet dieser Größenordnung keine Ergänzung, sondern eine Voraussetzung für dauerhafte Wohnnutzung. Der neue Rahmenplan reagiert damit auf ein häufiges Problem großer Entwicklungsprojekte, bei denen Wohnungen schneller geplant werden als die notwendige soziale Infrastruktur. Ob das Verhältnis im Alltag trägt, wird sich erst mit dem Einzug der ersten Bewohner zeigen.
Die Siemensbahn entscheidet über die Alltagstauglichkeit des Quartiers
Von zentraler Bedeutung ist die Reaktivierung der historischen Bahnverbindung. Sie soll das Gelände besser an den Berliner Hauptbahnhof anbinden und damit sowohl Beschäftigten als auch künftigen Bewohnern eine Alternative zum Auto bieten. Ohne leistungsfähigen Nahverkehr wäre die geplante Verdichtung kaum überzeugend. Für den Industriestandort Deutschland zeigt das Projekt zudem, wie eng Unternehmensinvestitionen und öffentliche Infrastruktur inzwischen voneinander abhängen.
Auch beim Bauen setzt Siemens auf digitale Planung. Building Information Modeling soll Gebäude, Bauabläufe und spätere Betriebsdaten in einem gemeinsamen Modell zusammenführen, während digitale Zwillinge Planung und Wartung präziser machen sollen. Solche Verfahren können Kosten und Fehler reduzieren, garantieren aber weder eine termingerechte Fertigstellung noch einen wirtschaftlichen Betrieb. Ihr Nutzen hängt davon ab, ob Planer, Bauunternehmen und Betreiber tatsächlich mit denselben Daten arbeiten.
Die Klimaversprechen müssen sich im laufenden Betrieb beweisen
Die Energieversorgung soll über ein eigenes Nahwärmenetz und ein Kältenetz erfolgen, das unter anderem Wärme aus Abwasser nutzt. Hinzu kommen CO₂-reduzierte Baustoffe, Holz-Hybrid-Bauweisen und der KfW40-Standard für Neubauten. Diese Elemente können den Energieverbrauch und die Emissionen senken, doch ihre Wirkung lässt sich erst im laufenden Betrieb belastbar bewerten. Zertifizierungen wie die angestrebte LEED-Platinum-Auszeichnung sind deshalb zunächst ein Planungsmaßstab und noch kein Beleg für dauerhaft niedrige Verbräuche.
Strategisch passt das Vorhaben zur Debatte über den Industriestandort Deutschland. Siemens ordnet das Quartier in die Initiative „Made for Germany“ ein, deren beteiligte Unternehmen Investitionen von mehr als 800 Milliarden Euro zwischen 2025 und 2028 angekündigt haben. Das Berliner Projekt steht dabei exemplarisch für den Versuch, industrielle Wertschöpfung, Forschung und Stadtentwicklung nicht gegeneinander auszuspielen. Der langfristige Erfolg wird jedoch weniger am Richtfest als daran gemessen werden, ob Wohnungen, Verkehr, Produktion und Klimakonzept gleichzeitig funktionieren.


