TUI Academy Hanoi verbindet Jugendhilfe mit Fachkräftesuche

Mit einer neu eröffneten Akademie in Hanoi will die TUI Care Foundation 100 benachteiligten jungen Menschen in einem zweijährigen Programm eine Berufsausbildung im Gastgewerbe ermöglichen. Das Vorhaben trifft auf zwei gegenläufige Entwicklungen: Der Tourismus in Vietnam wächst, während vielen jungen Erwachsenen der Zugang zu anerkannten Abschlüssen und stabiler Beschäftigung fehlt. Zugleich soll das Projekt neue Fachkräfte in Hanoi hervorbringen, bleibt gemessen am Bedarf des Landes aber zunächst ein begrenzter Ansatz.

Die TUI Academy Hanoi richtet sich an 18- bis 24-Jährige aus einkommensschwachen Haushalten, ländlichen Regionen oder schwierigen familiären Verhältnissen. Nach Angaben der Stiftung besteht das Programm nicht nur aus Unterricht, sondern auch aus praktischer Arbeit in einem professionellen Umfeld. Ergänzt werden die fachlichen Inhalte durch Englisch, IT-Kenntnisse und Trainings für den Alltag, etwa im Umgang mit Verantwortung, Selbstorganisation und schwierigen persönlichen Situationen. Damit folgt die Akademie einem Ansatz, der fehlende Qualifikationen nicht isoliert betrachtet, sondern mit sozialen Hürden verbindet, die einen Einstieg in den Arbeitsmarkt erschweren können.

Getragen wird das Projekt von der TUI Care Foundation, der niederländischen Organisation Net4kids und der vietnamesischen KOTO Foundation. Letztere bringt laut Mitteilung mehr als 25 Jahre Erfahrung in der beruflichen Ausbildung und Jugendförderung ein, während Net4kids Unternehmen mit sozialen Projekten zusammenführt. Die Aufgabenverteilung deutet auf ein Modell hin, bei dem internationale Finanzierung und Standards mit lokaler Umsetzung kombiniert werden. Ob das Vorhaben dauerhaft trägt, hängt deshalb auch davon ab, wie verlässlich Finanzierung, Betreuung und Arbeitgeberkontakte über die zweijährige Laufzeit hinaus gesichert sind.

Der Tourismus in Vietnam schafft Jobs, aber nicht automatisch sichere Karrieren

Die wirtschaftliche Logik hinter dem Projekt ist nachvollziehbar. Der Tourismus in Vietnam benötigt Personal für Hotels, Restaurants und weitere Dienstleistungen, doch ein wachsender Markt allein beseitigt keine Zugangsbarrieren. Wer keinen anerkannten Abschluss, keine Fremdsprachenkenntnisse oder keine stabilen Lebensbedingungen hat, landet leichter in informeller oder unsicherer Beschäftigung. Gerade im Gastgewerbe entscheidet deshalb nicht nur die Zahl offener Stellen, sondern auch die Qualität der Arbeitsverhältnisse und die Frage, ob Beschäftigte eine verlässliche Entwicklungsperspektive erhalten.

Nach Darstellung der Initiatoren stellen 15- bis 24-Jährige fast die Hälfte der Arbeitslosen im Land. Zugleich verfüge nur ein kleiner Teil der Erwerbsbevölkerung über eine anerkannte Qualifikation, während Ausbildungsangebote und Anforderungen der Betriebe auseinanderlägen. Diese Angaben erklären, warum eine Berufsausbildung im Gastgewerbe als Brücke in den formellen Arbeitsmarkt dienen kann. Sie zeigen aber auch, dass ein Programm mit 100 Plätzen strukturelle Defizite nicht lösen, sondern allenfalls ein übertragbares Modell erproben kann. Für eine breitere Wirkung müssten vergleichbare Angebote dauerhaft finanziert, regional zugänglich und eng genug mit tatsächlichen Stellenangeboten verknüpft werden.

Die soziale Absicherung ist für den Ausbildungserfolg ebenso wichtig wie der Unterricht

Bemerkenswert ist der Umfang der begleitenden Hilfen. Unterkunft, Verpflegung, Mobilitätsunterstützung, Hygieneartikel und Beratung sollen verhindern, dass finanzielle oder familiäre Belastungen zum Abbruch führen. Für Teilnehmende aus instabilen Lebensverhältnissen kann diese Unterstützung entscheidender sein als ein zusätzliches Fachmodul, weil sie überhaupt erst regelmäßiges Lernen ermöglicht. Die Akademie behandelt Beschäftigungsfähigkeit damit als Zusammenspiel aus Wissen, Selbstvertrauen und verlässlichen Rahmenbedingungen. Das unterscheidet den Ansatz von Programmen, die zwar Kurse anbieten, die Lebenssituation der Zielgruppe aber weitgehend ausblenden.

Das Ziel liegt bei mindestens 95 Abschlüssen und 85 Anstellungen innerhalb von sechs Monaten nach Programmende. Diese Kennzahlen sind ambitioniert, zugleich aber noch keine Belege für langfristigen Erfolg. Entscheidend wird sein, ob die vermittelten Stellen existenzsichernd sind, ob die Absolventinnen und Absolventen im Beruf bleiben und ob Aufstiegsmöglichkeiten entstehen. Ebenso relevant ist, wie viele Teilnehmende die Ausbildung unterbrechen und aus welchen Gründen dies geschieht. Erst solche Daten würden zeigen, ob die soziale Investition mehr bewirkt als eine kurzfristig gute Vermittlungsquote und ob das Betreuungsmodell tatsächlich jene erreicht, die auf dem regulären Bildungsweg durchs Raster fallen.

Für Fachkräfte in Hanoi zählt am Ende die Qualität der vermittelten Arbeit

Aus Sicht der Unternehmen kann die Akademie einen konkreten Engpass adressieren. Hotels und Restaurants erhalten potenziell besser vorbereitete Bewerberinnen und Bewerber, die neben fachlichen Grundlagen auch Englisch und digitale Basiskompetenzen mitbringen. Für die Fachkräfte in Hanoi eröffnet das eine Chance auf formellere Beschäftigung, sofern die beteiligten Betriebe verlässliche Verträge, faire Löhne und Entwicklungsmöglichkeiten anbieten. Ohne solche Standards droht auch eine gute Ausbildung lediglich den Zugang zu prekären Tätigkeiten zu erleichtern. Die Verantwortung für den Erfolg liegt daher nicht nur bei den Jugendlichen und den Ausbildungsorganisationen, sondern ebenso bei den späteren Arbeitgebern.

Aus einem kleinen Programm wird erst durch transparente Ergebnisse ein belastbares Modell

Die TUI Academy Hanoi ist weniger als Wohltätigkeitsprojekt denn als Verbindung von Sozialpolitik und Fachkräftesicherung zu verstehen. Ihr langfristiger Wert bemisst sich nicht an der Zahl der Unterrichtsstunden, sondern an stabilen Erwerbsbiografien und daran, ob das Modell auf weitere Standorte übertragen werden kann. Dafür müssten die Partner transparent machen, wie Abschlüsse anerkannt werden, welche Arbeitgeber einstellen und wie sich Einkommen und Beschäftigungsdauer entwickeln. Auch wäre relevant, ob Absolventinnen und Absolventen später Verantwortung übernehmen oder zusätzliche Qualifikationen erwerben können.

Eine solche Nachverfolgung würde zugleich zeigen, ob die Kooperation über den Einzelfall hinaus Bedeutung gewinnt. Gelingt es, Ausbildung, soziale Betreuung und konkrete Beschäftigung dauerhaft miteinander zu verzahnen, könnte das Projekt eine Vorlage für ähnliche Initiativen liefern. Bleiben dagegen nur Abschluss- und Vermittlungszahlen, wäre die Aussagekraft begrenzt, weil kurzfristige Platzierungen noch keine nachhaltige Integration belegen. Die entscheidende Bewährungsprobe beginnt deshalb nicht mit der Eröffnung der Akademie, sondern mit dem Übergang der ersten Jahrgänge in den Arbeitsmarkt.

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