Uniper will bis 2030 rund fünf Milliarden Euro in Kraftwerke, erneuerbare Energien und die Absicherung seiner Gasversorgung investieren. Gut die Hälfte des Kapitals soll nach Deutschland fließen, während Europas Energiemarkt stärker von geopolitischen Risiken, schwankender Stromproduktion und wachsendem Leistungsbedarf geprägt wird. Für die Energiewende in Deutschland ist der Plan relevant, weil er zeigt, welche Rolle steuerbare Kraftwerke neben Wind- und Solarenergie behalten sollen.
Unipers Strategie ist vor allem eine Wette auf ein Energiesystem, das mehr erneuerbaren Strom nutzt, aber weiterhin jederzeit abrufbare Leistung benötigt. Mehr als die Hälfte der geplanten Mittel soll deshalb in flexible Stromerzeugung fließen, daneben ist etwa ein Drittel für erneuerbare Erzeugung vorgesehen. Der Konzern verbindet damit zwei Ziele, die politisch oft getrennt diskutiert werden: Versorgungssicherheit in Zeiten geringer Wind- und Solarproduktion sowie eine schrittweise Senkung der Emissionen. Ob beides gleichzeitig gelingt, hängt allerdings nicht nur von der Technik ab, sondern auch von staatlichen Ausschreibungen, Brennstoffpreisen und verlässlichen Regeln für den späteren Einsatz von Wasserstoff oder CO₂-Abscheidung.
Flexible Stromerzeugung wird zum Kern der Investitionsplanung
Im Mittelpunkt stehen zwei geplante wasserstofffähige Kraftwerke in Gelsenkirchen-Scholven und am Standort Staudinger mit zusammen rund 1,7 Gigawatt Leistung. Uniper will die Projekte in die für September und Dezember 2026 vorgesehenen StromVKG-Ausschreibungen einbringen, über die neue gesicherte Kapazitäten in Deutschland angereizt werden sollen. Wasserstofffähig bedeutet dabei zunächst nur, dass die Anlagen technisch für einen späteren Brennstoffwechsel vorbereitet werden können. Klimaneutral wären sie erst dann, wenn ausreichend emissionsarm erzeugter Wasserstoff verfügbar ist oder andere Verfahren die Emissionen tatsächlich mindern.
Auch in Großbritannien, Schweden und den Niederlanden prüft das Unternehmen Neubauten, Laufzeitverlängerungen und Kraftwerksmodernisierung im Gigawattmaßstab. Genannt werden unter anderem ein Projekt mit geplanter CO₂-Abscheidung im britischen Connah’s Quay sowie die Umstellung von Kapazitäten im schwedischen Karlshamn. Damit setzt Uniper auf bestehende Standorte, Netzanschlüsse und Genehmigungsvorarbeiten, was Projekte beschleunigen kann. Zugleich bleibt das Risiko hoch, dass technische Optionen politisch gewünscht sind, sich aber ohne Fördermechanismen oder langfristige Abnahmeverträge wirtschaftlich nicht tragen.
Erneuerbare Energien bleiben wichtig, rücken finanziell aber zurück
Bis 2030 peilt Uniper eine Erzeugungskapazität von 15 bis 20 Gigawatt an. Mindestens die Hälfte soll aus erneuerbaren, emissionsarmen oder später dekarbonisierbaren Anlagen bestehen, wobei diese Kategorien sehr unterschiedliche Klimawirkungen haben. Für Wind- und Solarprojekte strebt das Unternehmen Investitionsentscheidungen über durchschnittlich bis zu 500 Megawatt pro Jahr an. Hinzu kommen das Pumpspeicherkraftwerk Happurg und der Ausbau schwedischer Wasserkraft, die Strom nicht nur erzeugen, sondern teilweise auch zeitlich verschieben und so Schwankungen im Netz abfedern können.
Für die Energiewende in Deutschland ist diese Kombination grundsätzlich plausibel, weil wetterabhängige Erzeugung allein keine gesicherte Leistung ersetzt. Auffällig ist jedoch, dass der finanzielle Schwerpunkt nun stärker auf konventionell anmutenden Kraftwerksprojekten liegt. Der ökologische Wert dieser Investitionen entscheidet sich deshalb an der späteren Brennstoffversorgung, an realistischen Umrüstungsplänen und an der Frage, wie lange fossiles Gas noch eingesetzt wird. Die Strategie ist damit weniger ein schneller Ausstieg aus bestehenden Strukturen als deren schrittweiser Umbau.
Ein breiteres Gasportfolio soll geopolitische Risiken begrenzen
Parallel will Uniper sein Gasgeschäft stärker über Herkunftsländer und Vertragslaufzeiten verteilen. Das Unternehmen strebt mittelfristig ein Volumen von 250 bis 300 Terawattstunden an, überwiegend auf Basis langfristiger Lieferverträge, und verweist auf Vereinbarungen mit Anbietern aus Australien, Kanada und den USA. Für rund 1.000 Stadtwerke und Industriekunden sowie das eigene Netz an Gasspeicher soll dies planbarere Mengen schaffen. Aus Unternehmenssicht reduziert ein breiteres Portfolio die Abhängigkeit von einzelnen Lieferquellen, bindet Uniper aber zugleich über Jahre an einen Energieträger, dessen Rolle politisch und wirtschaftlich umstritten bleibt.
Ergänzt werden soll das Geschäft um Wasserstoff und CO₂-arme Gase. Im Energiepark Bad Lauchstädt beteiligt sich Uniper an einer Kette von Erzeugung, Speicherung, Transport und Nutzung, die zeigen soll, wie ein regionaler Wasserstoffmarkt praktisch funktionieren kann. Für Europas Energiemarkt wäre eine solche Infrastruktur vor allem dort bedeutsam, wo Prozesse nicht direkt elektrifiziert werden können. Noch offen bleibt jedoch, zu welchen Preisen ausreichende Mengen verfügbar sein werden und ob Industrieabnehmer langfristig verbindliche Verträge abschließen.
Rechenzentren könnten Kraftwerksstandorte zu neuen Geschäftsmodellen machen
Ein neuer Teil von Unipers Strategie richtet sich auf Rechenzentren, deren Strombedarf und Anforderungen an Netzanbindung zu den bestehenden Kraftwerksflächen passen könnten. Mehr als zehn eigene Standorte seien identifiziert, drei Projekte befänden sich in fortgeschrittener Entwicklung, ein Vorhaben in Großbritannien sei bereits abgeschlossen. Einnahmen könnten durch Grundstücksverkäufe, Verpachtung, Beteiligungen, langfristige Stromlieferverträge oder eine direkte Versorgung entstehen. Für Uniper wäre das attraktiv, weil vorhandene Flächen und Anschlüsse zusätzliche Erlöse ermöglichen könnten, ohne dass der Konzern jedes Rechenzentrum selbst finanzieren müsste.
Die Rechnung bleibt dennoch von Genehmigungen, Netzkapazitäten und konkreten Kundenentscheidungen abhängig. Eine steigende Nachfrage der digitalen Infrastruktur schafft zwar einen neuen Absatzmarkt für Strom, verschärft aber zugleich den Wettbewerb um gesicherte Leistung und Netzausbau. Mit rund zwölf Milliarden Euro Eigenkapital und einer Netto-Cash-Position von etwa 2,8 Milliarden Euro sieht sich Uniper finanziell in der Lage, mehrere Projekte parallel zu verfolgen. Langfristig wird sich die Strategie daran messen lassen müssen, ob aus technischen Optionen tatsächlich emissionsärmere Kapazitäten entstehen und ob die Investitionen Europas Energiemarkt stabilisieren, ohne neue dauerhafte Abhängigkeiten zu schaffen.


