Mit dem Forschungsprojekt REINSIST will die Universität Regensburg gemeinsam mit Krones und Scherdel neue Verfahren gegen Cyberangriffe auf vernetzte Produktionsanlagen entwickeln. Die Forschungsförderung in Bayern setzt damit an einem Problem an, das für Industrieunternehmen mit wachsender Digitalisierung zunehmend geschäftskritisch wird.
Die Cybersicherheit in der Industrie unterscheidet sich von klassischer IT-Sicherheit vor allem durch die möglichen Folgen eines Angriffs. Wird ein Bürorechner kompromittiert, drohen Datenverlust oder Betriebsunterbrechungen; in einer Fabrik können manipulierte Steuerungen zusätzlich Maschinen, Produktionsabläufe und Liefertermine beeinträchtigen. Gerade das Industrial Internet of Things, also die Vernetzung von Maschinen, Sensoren und IT-Systemen, vergrößert die Zahl möglicher Angriffspunkte. Für Hersteller bedeutet das einen Zielkonflikt: Mehr Daten und Automatisierung können Abläufe effizienter machen, erhöhen aber zugleich den Aufwand, Anlagen dauerhaft abzusichern.
REINSIST soll deshalb nicht nur einzelne technische Schwachstellen untersuchen, sondern ein breiteres Sicherheits- und Risikomanagement entwickeln. Nach Angaben der Projektpartner sollen Analyseverfahren verdächtige Aktivitäten möglichst früh erkennen, Risiken bewerten und Unternehmen bei der Priorisierung von Gegenmaßnahmen unterstützen. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Nicht jedes auffällige Signal ist gleich gefährlich, und nicht jede Schwachstelle muss mit derselben Dringlichkeit behandelt werden. Ergänzend sind Schulungs- und Qualifizierungskonzepte vorgesehen, weil technische Schutzsysteme allein wenig helfen, wenn Beschäftigte Angriffsversuche nicht erkennen oder Sicherheitsvorgaben im Produktionsalltag umgehen.
Der Praxistest entscheidet darüber, ob Forschung in Fabriken funktioniert
Für die Universität Regensburg ist die Zusammenarbeit mit Krones und Scherdel vor allem deshalb relevant, weil die entwickelten Verfahren nicht im Labor bleiben sollen. Die Industriepartner bringen reale, hochgradig vernetzte Produktionsumgebungen ein, in denen sich prüfen lässt, wie zuverlässig neue Ansätze unter den Zwängen laufender Fertigung funktionieren. Damit rückt eine zentrale Schwierigkeit der Cybersicherheit in der Industrie in den Mittelpunkt: Schutzmaßnahmen müssen nicht nur technisch wirksam sein, sondern auch mit Verfügbarkeit, Produktionsgeschwindigkeit und bestehenden Maschinenparks vereinbar bleiben. Eine Sicherheitsmaßnahme, die Prozesse regelmäßig unterbricht oder Beschäftigte im Alltag überfordert, kann auf dem Papier überzeugen, im Betrieb aber an Akzeptanz verlieren.
Besonders bei älteren Anlagen ist diese Balance anspruchsvoll. Produktionsmaschinen werden häufig deutlich länger genutzt als klassische Büro-IT, während Software, Schnittstellen und Sicherheitsanforderungen sich schneller verändern. Das Industrial Internet of Things verbindet deshalb moderne digitale Systeme mit älteren Komponenten und schafft neue Abhängigkeiten. Für das Projekt wird entscheidend sein, ob sich Risiken in solchen heterogenen Umgebungen zuverlässig bewerten lassen, ohne den laufenden Betrieb unnötig zu belasten.
Bayerns Förderung zielt auf ein Problem mit industriepolitischer Bedeutung
Der Freistaat unterstützt das auf drei Jahre angelegte Vorhaben mit rund 614.000 Euro über ein Förderprogramm für Informations- und Kommunikationstechnik. Die Forschungsförderung in Bayern ist damit vergleichsweise gezielt: Statt eine fertige Sicherheitslösung einzukaufen, finanziert das Land die Entwicklung und Erprobung neuer Verfahren zwischen Wissenschaft und Industrie. Für die Landespolitik ist das auch eine Standortfrage, denn Ausfälle durch Cyberangriffe können Produktionskapazitäten, Lieferketten und damit die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Wertschöpfungsnetze treffen. Zugleich bleibt der Ausgang offen: Eine Förderung belegt zunächst nur, dass Staat und Projektpartner einen Forschungsbedarf sehen, nicht dass am Ende ein allgemein übertragbares System entsteht.
Dass Krones beteiligt ist, verleiht dem Projekt zusätzliche industrielle Relevanz. Der Maschinen- und Anlagenbauer aus Neutraubling erzielte nach Unternehmensangaben 2025 einen Umsatz von 5,66 Milliarden Euro und beschäftigt weltweit mehr als 21.000 Menschen. Unternehmen, die Maschinen, Produktionslinien und digitale Dienste miteinander verbinden, müssen die eigene Fertigung schützen und zugleich Sicherheitsanforderungen ihrer Kunden berücksichtigen. Die Universität Regensburg kann über solche Partner untersuchen, welche Schutzmechanismen im industriellen Alltag tatsächlich akzeptiert und dauerhaft genutzt werden.
Cyberresilienz wird zur Voraussetzung für weitere Digitalisierung
Der strategische Kern von REINSIST liegt weniger in einem einzelnen Sicherheitswerkzeug als in der Verbindung von Risikoanalyse, betrieblicher Praxis und Qualifizierung. Unternehmen sollen Angriffe nicht nur verhindern, sondern Risiken früher erkennen, Auswirkungen begrenzen und nach Störungen möglichst schnell wieder arbeitsfähig werden. Diese digitale Resilienz gewinnt an Bedeutung, weil vernetzte Produktion immer stärker von Datenflüssen, Softwarediensten und automatisierten Entscheidungen abhängt. Dass REINSIST technische Analyse mit Fachkräftequalifizierung verbinden will, ist deshalb mehr als ein Begleitprogramm: Es gehört zum eigentlichen Forschungsansatz.
Langfristig dürfte entscheidend sein, ob aus dem Projekt Verfahren entstehen, die sich über die beteiligten Unternehmen hinaus übertragen lassen. Gerade kleinere und mittlere Hersteller verfügen oft über weniger personelle und finanzielle Spielräume als große Industriekonzerne, müssen aber dieselben Grundfragen lösen: Welche Risiken sind relevant, welche Maßnahmen haben Vorrang und wie lässt sich Sicherheit in bestehende Abläufe integrieren? Wenn REINSIST hierfür praxistaugliche Methoden hervorbringt, könnte das Vorhaben zeigen, wie öffentliche Forschung den Sicherheitsbedarf der Industrie konkreter adressiert. Wenn die Ansätze dagegen nur in sehr spezifischen Testumgebungen funktionieren, wäre ihre Wirkung begrenzt. Für die weitere Digitalisierung von Fabriken bleibt damit die Leitfrage, ob zusätzliche Vernetzung wirtschaftlichen Nutzen schafft, ohne neue operative Abhängigkeiten unbeherrschbar zu machen.


