Mit Video-Podcasts auf Joyn erweitert ProSiebenSat.1 seine Streamingplattform um Formate, die bislang vor allem über den Hörkonsum bekannt waren. Seven.One Media soll daraus zusätzliche Werbeflächen im Bewegtbildgeschäft machen. Für die ProSiebenSat.1 Medienstrategie ist das ein Versuch, Inhalte innerhalb des Konzerns mehrfach zu nutzen und im Streamingmarkt in Deutschland stärker zu bündeln.
Zum Start erscheinen unter anderem „Der Sophie Passmann Podcast“, „SCHÖN LAUT“, „Make America Good Again!“, „Gysi gegen Guttenberg“ und „Sisters in Crime“. Später soll „Kaffee & Kater“ mit Malika und Joi hinzukommen, weitere Formate seien bereits vorgesehen. Video-Podcasts auf Joyn sind damit zunächst kein vollständiger Umbau des Angebots, sondern eine kuratierte Ergänzung mit bekannten Namen. Im Streamingmarkt in Deutschland dürfte vor allem relevant sein, ob solche Gesprächsformate auch auf dem Fernsehbildschirm regelmäßig genutzt werden und nicht nur als Nebenbei-Medium funktionieren.
Das visuelle Element macht aus den Podcasts allerdings nicht automatisch klassische Fernsehsendungen. Im Kern bleiben es längere Gespräche, deren Kamerabilder zusätzliche Nähe schaffen und den Hosts mehr Präsenz geben sollen. Für Joyn ist diese Form der Inhalteproduktion attraktiv, weil sie zwischen reinem Audio und aufwendig produzierter Unterhaltung liegt und damit eine Lücke im laufenden Streamingangebot besetzen kann.
Die ProSiebenSat.1 Medienstrategie setzt auf Mehrfachverwertung
Hinter dem Ausbau steht weniger eine neue Programmgattung als eine veränderte Verwertung vorhandener Inhalte. Ein Podcast wird nicht mehr ausschließlich als Audiodatei gedacht, sondern zugleich als Videoformat, Plattforminhalt und Werbeträger. Das senkt zwar nicht automatisch die Produktionskosten, kann aber die Reichweite eines Formats über mehrere Nutzungssituationen hinweg verlängern. Für ProSiebenSat.1 liegt der strategische Reiz darin, Audio, Streaming und Vermarktung enger zu verzahnen, ohne dafür zunächst eine vollständig neue Inhaltewelt aufbauen zu müssen.
Seven.One Media macht die Beziehung zu Hosts zum Werbefaktor
Seven.One Media übernimmt die Monetarisierung und ordnet die neuen Formate der Bewegtbildvermarktung zu. Gemeint ist damit Werbung rund um Inhalte, die auf internetfähigen Fernsehern, Streaminggeräten oder anderen Bildschirmen laufen, häufig unter dem Begriff Connected TV zusammengefasst. Der Konzern setzt darauf, dass die Bindung zwischen Hosts und Publikum auch im Videoformat für Werbekunden interessant bleibt. Diese Nähe kann Werbung glaubwürdiger erscheinen lassen, birgt aber zugleich die redaktionelle Aufgabe, kommerzielle Interessen und die Eigenständigkeit der Formate klar voneinander zu trennen.
Die interne Arbeitsteilung stärkt die Kontrolle über die Podcast-Lieferkette
Die Rollen im Konzern sind klar verteilt. Seven.One Audio beschafft und betreut die Formate, Joyn übernimmt die Ausspielung, und der Vermarkter organisiert die Werbeplanung. Diese Podcast-Lieferkette bleibt damit weitgehend innerhalb der Unternehmensgruppe, was Abstimmung und kommerzielle Steuerung erleichtern kann. Langfristig entscheidet sich der Erfolg jedoch nicht an der internen Organisation, sondern daran, ob Zuschauerinnen und Zuschauer Podcasts tatsächlich als visuelles Format annehmen und ob aus einzelnen bekannten Titeln ein dauerhaft tragfähiges Angebot entsteht.


