Erneuerbarer Wasserstoff aus Lingen hat im Chemiepark Marl einen industriellen Abnehmer erreicht. Beim Projekt GET H2 Nukleus greifen damit Erzeugung, Leitungsbetrieb und industrielle Abnahme in einem zusammenhängenden System ineinander – noch während der Inbetriebnahme, aber bereits unter realen Bedingungen.
In Lingen fährt RWE derzeit zwei Elektrolyseanlagen mit zusammen 200 Megawatt Leistung hoch. Bei der Elektrolyse wird mithilfe von Strom Wasserstoff erzeugt; für die Einordnung des Projekts ist entscheidend, dass Strombezug und Produktionsbedingungen die EU-Vorgaben für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs erfüllen. Der erzeugte Wasserstoff wird über rund 120 Kilometer Leitungen von Nowega, OGE und der Evonik-Tochter SYNEQT bis in den Chemiepark Marl transportiert und dort industriell genutzt.
Die entscheidende Nachricht liegt damit weniger in einer einzelnen Produktionsmenge als im Verbundbetrieb. Die Wasserstoff-Infrastruktur besteht hier nicht nur aus Elektrolyseuren und Leitungen: Produzenten benötigen Netzzugang, Abnehmer buchbare Kapazitäten und die beteiligten Unternehmen Regeln für Bilanzierung und Herkunftsnachweise. Das Projekt wird dadurch auch zu einem Praxistest für Abläufe, die beim weiteren Aufbau eines Wasserstoffmarktes wiederholt funktionieren müssen.
Der Verbundbetrieb zeigt, wo die eigentliche Herausforderung des Wasserstoffhochlaufs liegt
Erzeugung, Transport und industrielle Nutzung werden im laufenden Betrieb miteinander verbunden, sodass sich die Schnittstellen zwischen Anlagen, Netzbetreibern und Abnehmern praktisch erproben lassen. Für die Wasserstoff-Infrastruktur ist dieser Verbund zentral, weil das Projekt ausdrücklich auch Netzzugang, Kapazitätsbuchung und Bilanzierung unter realen Bedingungen testen soll. Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt GET H2 TransHyDE sollen dabei nun in den tatsächlichen Netzbetrieb einfließen.
RWE will die Elektrolyseleistung in Lingen bis Ende 2026 auf 200 Megawatt bringen und ab 2027 insgesamt 300 Megawatt betreiben. Erneuerbarer Wasserstoff aus diesen Anlagen soll die EU-Kriterien für RFNBO erfüllen und mit entsprechenden Nachhaltigkeitsnachweisen versehen werden. Für industrielle Abnehmer ist diese Zertifizierung relevant, weil sie darüber entscheidet, ob der Wasserstoffeinsatz auf die jeweiligen Dekarbonisierungsziele angerechnet werden kann.
Marl wird zum frühen Testfall für industrielle Wasserstoffnachfrage
Am Industriestandort Marl trifft die neue Versorgung auf einen Chemiepark, in dem der Wasserstoff unmittelbar eingesetzt werden kann. Damit endet die neue Verbindung nicht an einer Netzkopplung, sondern führt bis zu einer konkreten industriellen Nutzung. Für den Standort ist erneuerbarer Wasserstoff deshalb nicht nur für bestehende Anwendungen relevant; nach Einschätzung der Projektpartner könnte eine verlässliche Versorgung auch die Voraussetzungen für weitere Ansiedlungen verbessern.
Die Inbetriebnahme macht zugleich deutlich, wie stark die einzelnen Teile der neuen Lieferkette voneinander abhängen. Damit zertifizierter Wasserstoff in Marl ankommt, müssen Elektrolyse, Leitungsnetz, Nachweisführung und Abnahme aufeinander abgestimmt sein. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ist damit nicht allein eine Frage zusätzlicher Produktionskapazität, sondern ebenso eine organisatorische Aufgabe zwischen Erzeugern, Netzbetreibern und Industriekunden.
Das Wasserstoff-Kernnetz bekommt mit dem Projekt einen konkreten industriellen Anwendungsfall
Teile der Verbindung gehören zu den ersten Abschnitten des bundesweit geplanten Wasserstoff-Kernnetzes, das schrittweise aufgebaut werden soll. Bund sowie die Länder Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen fördern Bestandteile von GET H2 Nukleus über das europäische IPCEI-Programm Hy2Infra. Die öffentliche Förderung unterstreicht, dass der Aufbau der neuen Infrastruktur politisch als strategische Aufgabe behandelt wird.
Für die Industriepolitik ist der Verbund zwischen Lingen und Marl deshalb mehr als eine regionale Leitung. Das Wasserstoff-Kernnetz soll schrittweise weitere Produktions-, Speicher- und Industriestandorte miteinander verbinden; der jetzt laufende Abschnitt liefert dafür erste Erfahrungen aus dem tatsächlichen Systembetrieb. Noch bleibt die Verbindung regional und projektbezogen, doch weitere Leitungen und Kundenanschlüsse sind bereits fertiggestellt oder befinden sich in Umsetzung.
Speicher und zusätzliche Leitungen sollen aus dem Korridor ein belastbareres System machen
Die nächste Ausbaustufe erweitert die bisherige Verbindung um Speicher und weitere Industriekunden. Bereits Ende 2025 wurde eine rund zehn Kilometer lange Leitung von Heek nach Epe fertiggestellt; dort soll RWE Gas Storage West Ende 2026 mit der Befüllung eines Kavernenspeichers beginnen und diesen nach Unternehmensangaben Mitte 2027 in Betrieb nehmen. Damit kommt zu Erzeugung, Transport und direkter Abnahme ein weiterer Baustein des geplanten Systems hinzu.
Bis 2027 sollen außerdem eine bestehende Leitung zwischen Legden und Dorsten auf Wasserstoff umgestellt und eine neue Verbindung von Dorsten nach Marl gebaut werden. Hinzu kommt eine bereits fertiggestellte Leitung zwischen Marl und der Raffinerie in Gelsenkirchen-Scholven. Rund um GET H2 Nukleus entsteht so schrittweise ein regionaler Korridor, dessen langfristige Bedeutung davon abhängt, ob aus den zunächst geförderten Einzelprojekten eine dauerhaft nutzbare industrielle Infrastruktur erwächst.


