Zalando baut sein Logistiknetz in Europa um und schließt Erfurt bis 2026

Zalando ordnet sein europäisches Logistiknetz neu und will Kapazitäten enger mit ABOUT YOU verzahnen. Der deutlichste Einschnitt ist die geplante Schließung des Logistikzentrums Erfurt bis Ende September 2026. Rund 2.700 Beschäftigte sind betroffen. Zugleich sollen Verträge für drei extern betriebene Standorte außerhalb Deutschlands auslaufen.

Der Umbau zeigt, wie stark der Online-Modehandel inzwischen auf Effizienz, Automatisierung und Plattformdienste setzt. Zalando will Lagerung und Versand nicht nur für das eigene Endkundengeschäft optimieren, sondern auch als Dienstleistung für Marken und Händler ausbauen. Damit werden Logistik, Daten und Fulfillment zu einem zentralen Teil der Konzernstrategie.

Die Integration mit ABOUT YOU soll Doppelstrukturen abbauen

Zalando überprüft die Verteilung seiner Lager- und Versandkapazitäten nach der stärkeren Zusammenarbeit mit ABOUT YOU. Ziel ist ein gemeinsames Netzwerk, das Bestellungen flexibler zwischen Standorten verteilen und vorhandene Flächen besser auslasten kann. Nach Abschluss der Anpassungen soll das System aus 14 Logistikzentren in sieben europäischen Ländern bestehen.

Der Konzern reagiert damit auf einen Markt, in dem Liefergeschwindigkeit allein nicht mehr genügt. Hohe Retourenquoten, schwankende Nachfrage sowie steigende Personal-, Transport- und Energiekosten erhöhen den Druck auf die Stückkosten. Je stärker Prozesse vereinheitlicht werden, desto leichter lassen sich saisonale Spitzen und unterschiedliche Marken über dieselbe Infrastruktur abwickeln.

Die zeitliche Planung bis 2026 zeigt zugleich, wie langfristig solche Entscheidungen wirken. Lagerstandorte, Technik und IT-Systeme lassen sich nicht kurzfristig verschieben. Zalando muss während des Umbaus die Servicequalität stabil halten und gleichzeitig Bestände, Beschäftigte und Lieferbeziehungen neu organisieren.

ZEOS macht Fulfillment zum Plattformgeschäft

Eine Schlüsselrolle spielt das Angebot ZEOS Fulfillment. Dabei übernimmt Zalando für externe Händler und Marken Aufgaben wie Einlagerung, Kommissionierung, Verpackung und Versand. Die Kunden können ihre Waren über verschiedene Verkaufskanäle anbieten, während Zalando einen größeren Teil der operativen Abwicklung steuert.

Für kleinere und mittlere Anbieter kann das attraktiv sein, weil sie keine eigene europaweite Logistik aufbauen müssen. Gleichzeitig wächst ihre Abhängigkeit von den Standards, Datenformaten und Servicevorgaben der Plattform. Zalando ist damit nicht nur Händler und Marktplatz, sondern zugleich Infrastrukturanbieter für Unternehmen, die teilweise im direkten Wettbewerb mit dem Konzern stehen.

Diese Doppelrolle kann wirtschaftliche Vorteile schaffen, verlangt aber Vertrauen. Partner müssen nachvollziehen können, wie Kapazitäten verteilt, Lieferprioritäten gesetzt und Daten genutzt werden. Je stärker das Fulfillment-Geschäft wächst, desto wichtiger werden transparente Regeln und eine klare Trennung zwischen Plattformdienstleistung und eigenem Handelsinteresse.

Die Schließung in Erfurt zeigt den sozialen Preis der Konsolidierung

Am Standort Erfurt werden die Folgen der Effizienzstrategie besonders sichtbar. Das Logistikzentrum soll bis Ende September 2026 geschlossen werden. Zalando kündigt Gespräche mit Arbeitnehmervertretungen sowie einen Interessenausgleich und Sozialplan an. Damit beginnt ein längerer Prozess, in dem Abfindungen, Qualifizierung und berufliche Übergänge geklärt werden müssen.

Für die Region ist die Entscheidung erheblich, weil große Logistikzentren viele Arbeitsplätze bündeln und Beschäftigung bei Dienstleistern und Zulieferern sichern. Die lange Vorlaufzeit schafft zwar Planungsspielraum, verlängert aber auch die Unsicherheit. Viele Tätigkeiten sind regional gebunden und lassen sich wegen Wohnort, Familie oder Pendeldistanz nicht einfach an einen anderen Konzernstandort verlagern.

Der Fall dürfte deshalb auch politisch diskutiert werden. Ansiedlungen großer Logistikunternehmen werden häufig mit Infrastruktur, Flächen und regionaler Förderung unterstützt. Wenn sich Netzwerke später konsolidieren, stellt sich die Frage, wie dauerhaft solche Standortversprechen sind und welche Unterstützung für betroffene Beschäftigte und Kommunen bereitsteht.

Automatisierung senkt Kosten und verändert Arbeitsplätze

Zalando verbindet die Neuordnung mit weiteren Investitionen in Automatisierung, Software und nachhaltigere Prozesse. In modernen Lagern übernehmen Fördertechnik, Robotik und Sensoren immer mehr Schritte beim Transport, Sortieren und Verpacken. Dadurch können mehr Pakete mit weniger Fehlern und geringerem Personalaufwand pro Sendung bearbeitet werden.

Die Technik verbessert Skalierbarkeit, verschiebt aber zugleich Anforderungen an Beschäftigte. Routinetätigkeiten nehmen ab, während Wartung, Anlagensteuerung und Datenanalyse wichtiger werden. Für Unternehmen entsteht ein hoher Investitionsbedarf, der sich nur bei ausreichender Auslastung rechnet. Genau deshalb werden ältere oder weniger gut integrierbare Standorte bei einer Netzüberprüfung schnell zum Kostenfaktor.

Auch Partner müssen sich stärker an standardisierte Abläufe halten. Einheitliche Verpackungen, Datenstrukturen und Servicelevels vereinfachen den Betrieb, begrenzen aber individuelle Lösungen. Wer die Logistikinfrastruktur kontrolliert, bestimmt damit zunehmend, welche Prozesse als effizient gelten und welche Kosten entlang der Lieferkette entstehen.

Die Wachstumsziele machen den Umbau zum Prüfstein

Zalando hält an mittelfristigen Wachstumszielen fest und erwartet bei Umsatz und Bruttowarenvolumen weiterhin eine durchschnittliche jährliche Steigerung von 5 bis 10 Prozent. Das setzt voraus, dass das verkleinerte und stärker integrierte Netzwerk steigende Mengen bewältigt, ohne Lieferzeiten oder Servicequalität zu verschlechtern.

Die größte Herausforderung liegt in der Verbindung von Handel und Dienstleistung. Das Endkundengeschäft, ABOUT YOU und ZEOS müssen technisch und organisatorisch zusammenspielen, obwohl sie unterschiedliche Marken, Bestände und Kundenversprechen bedienen. Fehler bei IT-Migration, Bestandsführung oder Kapazitätsplanung könnten in der Übergangsphase schnell sichtbar werden.

Die Schließung in Erfurt ist deshalb mehr als eine einzelne Standortentscheidung. Sie steht für den Versuch, ein europäisches Logistiknetz stärker auf Plattformgeschäft, Automatisierung und Auslastung auszurichten. Ob die Strategie gelingt, wird sich daran zeigen, ob Zalando Kosten senkt und zugleich Wachstum, Partnervertrauen und soziale Verantwortung miteinander vereinbaren kann.

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