Zalando baut sein Logistiknetz in Europa um und schließt Erfurt bis 2026

Zalando will seine Logistik in Europa neu sortieren und koppelt den Umbau eng an die gemeinsame Infrastruktur mit ABOUT YOU. Der sichtbarste Schritt ist die geplante Schließung des Standorts Erfurt bis Ende September 2026, verbunden mit Einschnitten bei ausgelagerten Kapazitäten außerhalb Deutschlands. Hinter den Ankündigungen steht ein Strategiewechsel, der Kosten, Tempo und Plattformgeschäft stärker zusammenführen soll.

Zalando stellt sein Logistiknetz in Europa neu auf, um Lagerflächen und Versandkapazitäten stärker nach Bedarf zu steuern und Doppelstrukturen abzubauen. In diesem Zuge soll das Zalando Logistikzentrum Erfurt bis Ende September 2026 geschlossen werden, ein Standort, der über Jahre eine zentrale Rolle im Netzwerk spielte und laut Unternehmen rund 2.700 Beschäftigte umfasst. Parallel dazu sollen Verträge für drei Standorte außerhalb Deutschlands auslaufen, die bisher von externen Dienstleister betrieben wurden und sowohl Zalando als auch ABOUT YOU bedienten. Aus Unternehmenssicht ist das Teil eines Plans, der die Kapazitäten im Verbund neu verteilt und die Abwicklung über das gesamte Zalando Logistiknetzwerk Europa flexibler machen soll.

Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Online-Modehandel in Europa stärker um Effizienz ringt als um schiere Expansion. Liefergeschwindigkeit, Retourenquoten und steigende Kosten in Transport und Betrieb erhöhen den Druck, Prozesse zu standardisieren und teure Ausnahmen zu reduzieren. Zalando begründet den Schritt mit einer Überprüfung des Netzes und dem Ziel, die Logistik auf die kommenden Jahre auszurichten. In der Selbsteinordnung der Berliner sei „Logistik ist ein langfristiges Unterfangen mit jahrelangen Planungshorizonten.“

Die Integration mit ABOUT YOU soll aus Logistik ein skalierbares Plattformgeschäft machen

Der Umbau ist auch ein Signal, wie Zalando das Zusammenspiel von Endkundengeschäft und Dienstleistungsangebot künftig versteht. Das Unternehmen verweist auf das gemeinsame Netzwerk und skizziert eine integrierte Struktur für B2C und B2B, also für den Versand an Kundinnen und Kunden ebenso wie für Leistungen für Marken und Händler. Hinter dem Begriff Zalando ABOUT YOU Logistik steht damit weniger ein einzelnes Lager, sondern der Versuch, Prozesse zu vereinheitlichen, damit Ware unabhängig von Marke oder Verkaufskanal ähnlich abgewickelt werden kann. Für den Markt ist das relevant, weil damit ein großer Player versucht, Logistik nicht nur als Kostenblock, sondern als Produkt zu betreiben.

Konkret spielt dabei Zalando ZEOS Fulfillment eine Schlüsselrolle, also ein Angebot, bei dem Unternehmen Lagerung, Kommissionierung und Versand an Zalando auslagern können. Vereinfacht gesagt übernimmt Zalando hier Funktionen, die sonst Händler selbst organisieren, von der Einlagerung bis zum Paketlabel. Das kann für kleinere und mittlere Anbieter attraktiv sein, weil sie sich weniger um operative Details kümmern müssen, gleichzeitig erhöht es die Abhängigkeit von einer Plattform, die auch selbst im Handel aktiv ist. Aus Sicht der Branche ist genau diese Doppelrolle heikel, weil sie Wettbewerbsvorteile über Daten, Standards und Priorisierungsmöglichkeiten begünstigen kann, auch wenn Zalando dazu in der Mitteilung keine Details nennt.

Die Schließung in Erfurt macht den sozialen Preis der Effizienzstrategie sichtbar

So plausibel Konsolidierung in der Logik großer Netze wirkt, so konkret sind die Folgen vor Ort. Mit der geplanten Schließung des Zalando Logistikzentrum Erfurt trifft es eine Region, die in den vergangenen Jahren stark von der Ansiedlung großer Logistikflächen profitierte. Zalando kündigt an, mit den Arbeitnehmervertretungen zu verhandeln und einen Interessenausgleich zu suchen, außerdem solle ein Sozialplan ausgearbeitet werden. Damit folgt das Unternehmen dem in Deutschland üblichen Verfahren, das Beschäftigte zumindest finanziell und organisatorisch absichern soll, die Unsicherheit über neue Perspektiven aber nicht aufhebt.

Bemerkenswert ist auch die zeitliche Streckung bis Ende September 2026, die einerseits Planbarkeit schafft, andererseits die Phase der Ungewissheit verlängert. Für viele Beschäftigte ist Logistik Arbeit, die regional gebunden ist, weil sie nicht ohne Weiteres an andere Standorte verlagert werden kann, schon wegen Familie, Wohnkosten oder Pendeldistanzen. Zalando sagt, man setze auf Dialog mit dem Betriebsrat und arbeite mit externen Expertinnen und Experten an Unterstützungsangeboten. Politisch dürfte der Fall dennoch Aufmerksamkeit bekommen, weil Standortentscheidungen in strukturschwächeren Regionen schnell zur Frage werden, wie verlässlich Ansiedlungsversprechen in einem stark zyklischen Markt wirklich sind.

Moderne Technik soll Stückkosten drücken, doch sie verschiebt auch Macht und Jobs

Zalando verbindet die Neustrukturierung ausdrücklich mit weiteren Investitionen in Technologie, darunter Automatisierung und nachhaltigere Verfahren. Für Laien bedeutet das vor allem mehr Maschinen, Sensorik und Software in Lagerhallen, damit Ware schneller gefunden, verpackt und auf den Weg gebracht wird, bei weniger Fehlern und geringerem Personalbedarf pro Paket. In einem Markt, in dem Kunden kurze Lieferzeiten erwarten, können solche Maßnahmen die Marge retten, besonders wenn Retouren und saisonale Peaks das System belasten. Gleichzeitig ist es eine Wette darauf, dass sich die hohen Vorabkosten auszahlen, auch wenn der Modemarkt schwankt und Konsumlaune in Europa nicht konstant ist.

Mit der angekündigten Neuordnung dürfte zudem der Trend zu Standardisierung weiter zunehmen, etwa durch eine universelle Auftragsabwicklung, bei der Bestellungen unabhängig von Marke oder Plattform nach gleichen Regeln verarbeitet werden. Das steigert Skaleneffekte, weil sich Prozesse leichter ausrollen lassen und weniger Sonderfälle entstehen. Für Partner kann das bedeuten, dass sie von professioneller Infrastruktur profitieren, aber auch, dass sie sich stärker an Vorgaben zu Verpackung, Datenformaten und Servicelevels halten müssen. In der Summe verlagert sich Macht in der Lieferkette oft zu demjenigen, der die Infrastruktur kontrolliert und damit definiert, was „effizient“ ist.

Die Wachstumsziele bleiben ehrgeizig, und die Logistik wird zum Prüfstein

Zalando koppelt den Umbau an mittelfristige Ziele und nennt weiterhin eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 5 bis 10 Prozent bei Umsatz und Bruttowarenvolumen, also dem gesamten Wert der über die Plattform abgewickelten Waren. Das ist eine klare Ansage, weil sie impliziert, dass der Konzern trotz Marktunsicherheiten mit steigenden Mengen rechnet und sein Zalando Logistiknetzwerk Europa dafür auf höhere Auslastung trimmen will. Nach Abschluss der Anpassungen soll das Netz 14 Logistikzentren in sieben Ländern umfassen, was auf eine stärkere Konzentration bei gleichzeitig breiter geografischer Abdeckung hindeutet. Für den Wettbewerb ist das relevant, weil ein dichtes Netz Lieferzeiten verkürzt, Kosten senkt und damit Preis- und Servicewettbewerb verschärft.

Ob die Strategie aufgeht, hängt jedoch nicht nur von Quadratmetern und Robotik ab, sondern von der Fähigkeit, Handel und Dienstleistung sauber auszubalancieren. Je stärker Zalando ZEOS Fulfillment ausgebaut wird, desto mehr muss das Unternehmen Vertrauen schaffen, dass Partner nicht nur Kapazität einkaufen, sondern fair behandelt werden, auch wenn Zalando im Kerngeschäft selbst verkauft. Und je enger Zalando ABOUT YOU Logistik verzahnt wird, desto höher ist die operative Komplexität in der Übergangsphase, etwa bei IT-Systemen, Bestandsführung und Serviceversprechen. In dieser Logik wirkt die Schließung in Erfurt nicht wie ein isolierter Schritt, sondern wie ein Testfall dafür, ob das Unternehmen seine Plattformambitionen in einem volatilen Konsumumfeld konsequent und ohne Reputationsschäden umsetzen kann.

Quellenhinweis:

Der Artikel basiert auf einer Pressemitteilung von Zalando, die von unserer Redaktion um weitere Informationen ergänzt wurde.

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