Zalando hat 2025 beim Umsatz und operativen Ergebnis deutlich zugelegt und verbindet die Bilanz nun mit einer strategischen Erzählung für 2026. Im Zentrum stehen künstliche Intelligenz, der Ausbau des Plattformgeschäfts und die schnellere Integration von ABOUT YOU. Dass parallel ein Aktienrückkauf angekündigt wird, deutet darauf hin, dass der Berliner Konzern seine Position inzwischen nicht nur als Wachstums-, sondern auch als Reifephase eines europäischen Tech-Unternehmens versteht.
Mit einem Umsatz von 12,3 Milliarden Euro und einem bereinigten EBIT von 591 Millionen Euro habe Zalando 2025 am oberen Rand der eigenen Prognose abgeschlossen. Auch das Bruttowarenvolumen sei kräftig gestiegen, ebenso die Zahl aktiver Kundinnen und Kunden, die mit 62 Millionen einen neuen Höchststand erreicht habe. Für ein Unternehmen, das im europäischen Onlinehandel lange vor allem über Reichweite und Markenbekanntheit definiert wurde, ist das ein Signal, dass Skalierung inzwischen wieder stärker in Ertragskraft übersetzt werden kann.
Auffällig ist dabei, dass die Geschichte nicht mehr allein über klassischen Modehandel erzählt wird. Zalando beschreibt sich zunehmend als E-Commerce-Plattform Europa, also als Anbieter von Infrastruktur, Software, Logistik und datengetriebenen Services. Genau darin liegt die strategische Verschiebung: Der Konzern will nicht mehr nur Kleidung verkaufen, sondern zu einem Betriebssystem für große Teile des digitalen Modegeschäfts werden. Das ist im Markt relevant, weil die Margen im reinen Onlinehandel begrenzt bleiben, während Plattformdienste, Werbung und Software tendenziell profitabler und weniger kapitalintensiv skalieren.
Der Einsatz von KI im Modehandel soll Kosten senken und den Einkauf präziser machen
Besonders stark betont das Unternehmen den Einsatz von KI im Modehandel. Aus Sicht von Zalando geht es dabei nicht nur um sichtbare Anwendungen wie Produktempfehlungen oder Chat-Assistenten, sondern um eine breitere Automatisierung entlang des Geschäftsmodells. KI-generierte Inhalte im Marketing, genauere Lieferzusagen in der Logistik und Hilfen für Entwicklerinnen und Entwickler bei der Programmierung sollen Produktivität und Effizienz erhöhen. Für Leserinnen und Leser jenseits des Fachpublikums lässt sich das so übersetzen: Der Konzern versucht, viele teure und komplexe Zwischenschritte im Onlinehandel schneller und billiger zu organisieren.
Für den Markt ist das deshalb bedeutsam, weil Mode im Internet ein schwieriges Geschäft bleibt. Hohe Retourenquoten, schwankende Nachfrage, kurze Trendzyklen und komplexe Lagerhaltung drücken seit Jahren auf die Rentabilität. Wenn Zalando angibt, mit datenbasierten Größenempfehlungen Retouren zu senken und mit Personalisierung mehr Produkte in den Warenkorb zu bringen, dann adressiert das zwei Kernprobleme des Geschäfts zugleich. Die Technologie ist damit kein Selbstzweck, sondern ein Hebel, um das Grundmodell des Online-Modehandels robuster zu machen.
Hinzu kommt, dass Zalando seine KI-Strategie nicht nur nach innen richtet. Der Konzern spricht von einer neuen Form des digitalen Einkaufens, bei der dialogbasierte Systeme Produkte vorschlagen, filtern und zunehmend auch direkt kaufbar machen. Der hauseigene Assistent sei dafür ein Testfeld, zugleich positioniere sich Zalando früh für einen möglichen Wandel im Such- und Kaufverhalten. Sollte sich diese Entwicklung durchsetzen, könnte die Frage, wer Kundschaft auf die eigene Plattform bringt, wichtiger werden als die Frage, wer die attraktivste Startseite besitzt.
Die ABOUT-YOU-Übernahme wird für Zalando mehr zur Strukturfrage als zur Größendimension
Die Übernahme von ABOUT YOU soll nach Unternehmensangaben schneller als geplant Synergien bringen. Statt erst später peilt Zalando Einsparungen und Verbundeffekte von 100 Millionen Euro pro Jahr bereits 2028 an. Solche Ziele wirken auf den ersten Blick nach klassischer M&A-Kommunikation, haben in diesem Fall aber eine größere Bedeutung. Der europäische Modehandel ist fragmentiert, zugleich stehen die Anbieter unter hohem Investitionsdruck durch Technologie, Marketing und Logistik. Zusammenschlüsse werden damit nicht nur zur Wachstumsoption, sondern zu einer Antwort auf steigende Skalenerfordernisse.
Strategisch verfolgt Zalando im Konsumentengeschäft einen Multi-App-Ansatz. Die Kernmarke, ABOUT YOU und Lounge by Zalando sollen unterschiedliche Zielgruppen und Kaufmotive bedienen, von markenorientiert über trendgetrieben bis preisfokussiert. Für das Unternehmen hat das den Vorteil, verschiedene Kundensegmente abzuschöpfen, ohne alles in einer einzigen App unterbringen zu müssen. Im Ergebnis soll die Plattform häufiger genutzt werden und einen größeren Anteil an den Ausgaben für Mode und angrenzende Lifestyle-Kategorien gewinnen.
Dahinter steht ein breiterer Trend: Im digitalen Handel reicht es längst nicht mehr, nur Reichweite zu besitzen. Entscheidend ist, wie eng sich Nutzerinnen und Nutzer an ein Ökosystem binden lassen. Bonusprogramme, personalisierte Feeds und integrierte Inhalte sollen genau diese Bindung erhöhen. Wenn Zalando hervorhebt, dass Mitglieder von Zalando Plus einen großen Anteil am Warenvolumen erzeugen, spricht daraus die Hoffnung auf stabilere Wiederkäufe, bessere Datensignale und geringere Abhängigkeit von teurem Neukundenmarketing. Für die Branche ist das ein Hinweis darauf, dass Kundenloyalität im Plattformwettbewerb wieder an Gewicht gewinnt.
Das B2B-Geschäft zeigt, warum Zalando mehr sein will als ein Onlinehändler
Noch interessanter als das Konsumentengeschäft ist aus ökonomischer Sicht womöglich die zweite Säule. Im B2B-Bereich meldet Zalando steigende Umsätze, ein deutlich höheres operatives Ergebnis und eine stärkere internationale Sichtbarkeit der Softwareeinheit SCAYLE. Dass Levi’s für den globalen Direktvertrieb auf diese Plattform setzen soll, wäre vor allem deshalb relevant, weil es Zalando über Europa hinaus als Technologieanbieter positionieren könnte. Im größten SaaS-Markt der Welt Fuß zu fassen, ist für europäische Softwareanbieter schwierig und entsprechend symbolträchtig.
Das B2B-Modell umfasst Software, Logistik und Marktplatzanbindung. Für Marken und Händler, die international verkaufen wollen, sind genau diese Bausteine oft die teuersten und kompliziertesten. Wer Produkte in mehreren Ländern anbieten, Lieferketten steuern und digitale Schaufenster technisch betreiben muss, braucht Systeme, die grenzüberschreitender Handel überhaupt erst praktikabel machen. Zalando versucht hier, seine eigenen Strukturen als Produkt zu verkaufen. Das ist strategisch plausibel, weil ein Konzern mit großem Bestellvolumen und Logistiknetzwerk reale Erfahrung in operative Dienstleistungen übersetzen kann.
Auch industriepolitisch ist das nicht belanglos. Europas Digitalwirtschaft gilt häufig als stark in Nischen, aber schwächer bei skalierenden Plattformen und Unternehmenssoftware als US-Anbieter. Wenn ein Berliner Konzern im Modeumfeld eine E-Commerce-Plattform Europa baut, dann ist das zumindest ein Gegenentwurf zur Vorstellung, dass hochwertige Infrastruktursoftware fast zwangsläufig aus den USA kommen müsse. Noch ist daraus kein branchenübergreifender Technologiesieger abzuleiten. Aber der Fall zeigt, dass vertikal spezialisierte europäische Plattformen in einzelnen Industrien durchaus international relevant werden können.
Der Aktienrückkauf zeigt, dass Zalando Wachstum und Reife zugleich demonstrieren will
Der angekündigte Aktienrückkauf von bis zu 300 Millionen Euro ist mehr als eine Finanznotiz. Solche Programme senden das Signal, dass ein Unternehmen genügend Liquidität und Vertrauen in die eigene Ertragskraft besitzt, um überschüssiges Kapital nicht nur in Expansion, sondern auch in Kapitalallokation zu lenken. Für Aktionärinnen und Aktionäre ist das attraktiv, weil sich die Zahl der ausstehenden Aktien verringern kann. Für Beobachter des europäischen Tech-Sektors ist die Maßnahme ein Zeichen dafür, dass Zalando sich zunehmend wie ein etablierter Plattformkonzern inszeniert.
Gleichzeitig investiert das Unternehmen weiter erheblich in Technologieplattform und Infrastruktur. Diese Kombination ist bemerkenswert: Einerseits sollen Hunderte Millionen Euro in Systeme, Daten und operative Netze fließen, andererseits wird Geld an den Kapitalmarkt zurückgegeben. Das Management signalisiert damit, dass beides gleichzeitig möglich sei, weil das Geschäftsmodell inzwischen genügend Mittel erzeuge. CFO Anna Dimitrova formuliert es so: „Wir sind in der Lage, unser Wachstum zu finanzieren und gleichzeitig Kapital an unsere Aktionäre zurückzugeben.“ Das ist eine selbstbewusste Aussage, die allerdings an eine Bedingung geknüpft bleibt: Die angekündigte Beschleunigung 2026 muss sich tatsächlich in weiterem profitablen Wachstum niederschlagen.
Denn Risiken bleiben sichtbar, auch wenn sie in der Mitteilung eher am Rand vorkommen. Konsumzurückhaltung, geopolitische Spannungen, mögliche Störungen in der Lieferkette und der anhaltend intensive Wettbewerb im europäischen Modehandel können Prognosen schnell unter Druck setzen. Dazu kommt, dass KI zwar Effizienzgewinne verspricht, aber im Handel nicht automatisch dauerhafte Wettbewerbsvorteile garantiert. Viele Werkzeuge verbreiten sich rasch in der Branche. Für Zalando wird deshalb entscheidend sein, ob sich die Kombination aus Datenbasis, Logistiknetzwerk, Plattformstrategie und Markenbeziehungen tatsächlich so schwer kopieren lässt, wie es das Unternehmen nahelegt.


