Zalando und Partner bauen einen gemeinsamen Standard für Nachhaltigkeitsdaten im Modehandel

Im europäischen Modehandel wächst der Druck, Menschenrechts- und Umweltstandards in Lieferketten nicht nur zu versprechen, sondern belastbar nachzuweisen. Zalando und ABOUT YOU versuchen nun gemeinsam mit fünf weiteren Händlern, genau an diesem Punkt anzusetzen und den administrativen Aufwand für Marken zu verringern.

Dafür haben die Unternehmen einen einheitlichen HREDD Fragebogen sowie den digitalen One Retail Hub angekündigt. Beides soll nach Darstellung der Beteiligten dazu beitragen, Informationen zur Lieferkettensorgfalt einfacher zu erfassen, zwischen Handelspartnern zu teilen und für Verbesserungen nutzbar zu machen.

Bislang sei eines der Grundprobleme im Markt gewesen, dass Marken für verschiedene Handelspartner unterschiedliche Anforderungen erfüllen und mehrere Systeme bedienen müssten. Gerade im Modehandel Lieferkette führe das nicht nur zu Mehrarbeit, sondern auch dazu, dass Kapazitäten in Berichtsprozesse flössen, statt in konkrete Veränderungen bei Beschaffung, Kontrolle und Zusammenarbeit mit Zulieferern. Der neue HREDD Fragebogen soll diesen Aufwand verringern, indem er einen gemeinsamen Abfragestandard setzt, auf den sich mehrere große Händler verständigt haben.

Strategisch ist das mehr als eine technische Vereinfachung. Wenn Unternehmen wie Zalando, ABOUT YOU, ASOS oder Boozt ihre Erwartungen an Nachhaltigkeitsdaten angleichen, entsteht ein faktischer Branchenmaßstab, an dem sich Marken künftig orientieren müssen. Für kleinere und mittlere Anbieter könnte das die Hürde senken, weil sie Informationen nicht mehr in leicht abgewandelten Formaten immer wieder neu aufbereiten müssten. Für große Händler wiederum erhöht ein gemeinsamer Standard die Chance, Daten über Lieferketten besser vergleichen und Risiken früher erkennen zu können.

Der Vorstoß zeigt, dass Regulierung im Modehandel nur mit gemeinsamen Standards beherrschbar wird

Im Kern reagiert die Initiative auf eine Entwicklung, die viele Branchen seit Jahren prägt. Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden verlangen mehr Transparenz zu Arbeitsbedingungen, Umweltfolgen und Beschaffungspraktiken. In der Praxis scheitert das häufig nicht zuerst am Willen, sondern an uneinheitlichen Prozessen, heterogenen IT-Systemen und an einer Lieferkette, die sich über viele Länder und Stufen erstreckt. Wer dort belastbare Aussagen treffen will, braucht Daten, die vergleichbar und anschlussfähig sind.

Die Beteiligten verweisen darauf, dass sich der Fragebogen an den OECD-Leitlinien orientiere. Das ist insofern relevant, als diese Leitlinien international als Referenz für verantwortungsvolle Unternehmensführung gelten und damit eine Brücke zwischen freiwilligen Standards und regulatorischen Erwartungen schlagen. Ein Zalando Nachhaltigkeitsstandard, der auf solchen Grundlagen aufbaut und zugleich von mehreren Händlern getragen wird, könnte deshalb über das unmittelbare Projekt hinaus Wirkung entfalten. Er wäre nicht automatisch ein Branchenstandard für alle, könnte aber in Europa zum Referenzmodell werden, wenn weitere Marktteilnehmer sich anschließen.

Die kostenlose Plattform soll aus Berichten verwertbare Informationen machen

Der One Retail Hub ist der zweite Baustein der Initiative und dürfte in der täglichen Praxis mindestens so wichtig sein wie der Fragebogen selbst. Die Plattform soll Marken ermöglichen, ihre HREDD-Daten zentral aktuell zu halten und mit Handelspartnern zu teilen. Entwickelt wurde sie laut Mitteilung in Partnerschaft mit TrusTrace. Damit geht es nicht nur um ein Formular, sondern um Infrastruktur für den laufenden Datenaustausch.

Für Außenstehende lässt sich das vereinfacht so erklären: Statt dieselben Informationen mehrfach an verschiedene Empfänger zu schicken, sollen Marken Daten einmal strukturiert hinterlegen und fortlaufend ergänzen. Hinzu kommen Funktionen, die vorhandene Nachhaltigkeitsberichte automatisiert auswerten, Lücken erkennen und Hinweise auf nötige Nachbesserungen geben sollen. Solche KI-gestützte Auswertung kann Prozesse beschleunigen, ersetzt aber keine inhaltliche Prüfung. Ihr Nutzen hängt davon ab, wie gut die Ausgangsdaten sind und wie konsequent Unternehmen die identifizierten Probleme tatsächlich angehen.

David Reiner, Ethical Sourcing Lead bei Zalando, formuliert den Anspruch so: „Fortschritt ist kein Wettbewerbsvorteil, sondern ein gemeinsamer Standard für alle.“ Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er den Zielkonflikt der Branche offenlegt. Einerseits konkurrieren Händler und Marken hart miteinander, andererseits lassen sich Fragen der Lieferkettensorgfalt nur begrenzt als exklusiver Wettbewerbsvorteil organisieren. Wer Mindeststandards ernst meint, muss Informationen teilen und technische Eintrittsbarrieren senken.

Für Marken kann weniger Bürokratie nur dann ein Fortschritt sein, wenn daraus echte Änderungen in der Lieferkette folgen

Genau hier liegt die Bewährungsprobe. Standardisierung und digitale Plattformen versprechen Effizienz, doch sie sind noch kein Beleg für bessere Arbeitsbedingungen oder geringere Umweltbelastungen. Der wirtschaftliche Reiz der Initiative liegt zunächst darin, Prozesskosten zu senken und Compliance handhabbarer zu machen. Der politische und gesellschaftliche Anspruch reicht weiter: Daten sollen nicht nur gesammelt, sondern in wirksame Entscheidungen übersetzt werden, etwa bei der Auswahl von Lieferanten, bei Korrekturmaßnahmen oder bei der Priorisierung besonders riskanter Beschaffungsregionen.

Für Marken dürfte der neue Rahmen dennoch attraktiv sein, weil er in einem zunehmend regulierten Umfeld Planungssicherheit schafft. Wenn mehrere große Händler dieselben Grundanforderungen anerkennen, wird es einfacher, interne Berichtswege aufzubauen und Ressourcen gezielter einzusetzen. Für den europäischen Markt ist das auch industriepolitisch interessant. Der Druck zu mehr Transparenz in globalen Lieferketten wächst weiter, während Unternehmen gleichzeitig über Bürokratiekosten klagen. Ein gemeinsamer Ansatz wie der HREDD Fragebogen versucht, beides zusammenzubringen: strengere Erwartungen und weniger Reibungsverluste in der Umsetzung.

Ob daraus tatsächlich ein breiter Standard im Modehandel Lieferkette wird, hängt von zwei Faktoren ab. Erstens davon, ob weitere Händler und Marken den Ansatz übernehmen. Zweitens davon, ob die erfassten Daten ausreichend belastbar sind, um über reine Dokumentation hinauszugehen. Ein Zalando Nachhaltigkeitsstandard hätte dann Relevanz weit über Berlin hinaus, wenn er nicht nur Berichte vereinheitlicht, sondern Entscheidungen in Beschaffung und Partnerschaften nachweislich verändert. Der One Retail Hub könnte dafür die technische Grundlage liefern. Entscheidend bleibt aber, ob die Branche die gewonnene Klarheit nutzt, um an den schwierigsten Punkten ihrer Lieferketten tatsächlich nachzusteuern.

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